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 Betreff des Beitrags: Öffentliche Briefe
BeitragVerfasst: 4. Feb 2016, 17:19 
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Offener Brief an Marcus Pretzell

Studienkollege schreibt AfD-Mann: "Ihr lebt von unserer Angst"


Zitat:
Lieber Marcus,
wir haben uns bestimmt 15 Jahre nicht gesehen. Aber seit einiger Zeit sehe ich Dich immer öfter, im Fernsehen, in den Zeitungen, auf Demos und Podien. Wir beide sind wohl das, was man Kommilitonen nennt oder "Bekannte aus dem Studium". Erinnerst Du Dich an Heidelberg? Die Semester ab 1996/97?
Uns verband keine Freundschaft, aber man sah und traf sich, in WGs, der Mensa, auf der Straße, man traf sich auf Partys, trank gemeinsam Bier. Manchmal lief "Lemon Tree" oder tatsächlich Udo Jürgens in der Endlosschleife. Es waren laute, lange Tage und Nächte. Du warst nett, manchmal irgendwie schräg, aber nie langweilig. Wir verloren uns danach aus den Augen, irgendwann verbanden wir uns auf Facebook. Ich erinnere mich, wie ich Dich vor einiger Zeit, bevor Du einer dieser glühenden AfD-Kometen wurdest, aus meinem Stream warf, weil ich die Posts über Griechenland nicht mehr aushielt. Im Rückblick sehe ich: Das war eine Vorstufe.
Warum schreibe ich Dir? Mir ist es peinlich, wie sich unsere Politiker quälen, ob sie mit einem von Euch auftreten sollen, was Euch auf Podeste hebt, auf denen ihr nie standet. Ich will aber mit Leuten wie Dir streiten. Ich will zeigen, dass Ihr im Unrecht seid.
Ja, Du bist auf einem Irrweg, und ich schüttle den Kopf, was genau Dein Plan ist für unser Land, dem Du angeblich endlich mal ein paar offene, unangenehme Botschaften verpassen willst. Ich fürchte, Du hast gar keinen Plan. Ihr habt im Grunde kein Anliegen, außer Euch selbst, außer auf dieser Empörungswelle zu reiten, etwas zweifelhaften Ruhm und Geld einzustreichen, um dann ohne irgendeine politische Tat wieder in der Versenkung zu verschwinden. Und das werdet ihr irgendwann.
"Ihr erzeugt nur Hitze, kein Licht"

Ihr erzeugt nur Hitze, kein Licht. Ihr schafft nichts, Ihr habt keinen Vorschlag und keine Idee, und vor allem verfügen Du und Deine Mitstreiter nicht über dieses eine sperrige Wort: Problemlösungskompetenz. Ihr würdet im Kanzleramt keine 24 Stunden aushalten, und jeder kleine Landrat, in dessen Überforderung Ihr Euch wälzt, leistet um ein Vielfaches mehr.
Wird Dir in diesem populistischen Sturm und Drang nicht auch manchmal mulmig? Denn wenn wir bei einem Bier in Heidelberg stehen würden, würde ich fragen, wann Du mit dieser Scheiße endlich aufhörst. Ich muss Dir sagen, dass ich diese Gestalten, mit denen Du Dich umgibst, einfach nur gespenstisch finde. Gestalten, die irgendwo ein dunkles Loch in Deutschland ausgespuckt haben muss. Vorneweg Euer Mini-Goebbels Björn Höcke, ein kleiner Oberstudienrat, der nun auf dicke deutsche Hose macht; der "erfolgreiche Unternehmer" André Poggenburg, der sich mit einem Rittergut übernommen hat und für den das Ticket in den Landtag offenbar der letzte Ausweg ist, seine Rechnungen wieder zu bezahlen. Oder Beatrix von Storch, das gespenstischste Gespenst von allen, die neuerdings über Schießbefehle auf Kinder referiert.
Unser Land ist zerrissen. Freundeskreise zerreißt es, Familien und viele Menschen innerlich. Ihr aber flickt nicht, ihr heilt nicht, ihr fügt nicht zusammen: Ihr zerreißt weiter, das ist Eure politische Funktion. Ihr sagt ja nur, was endlich mal gesagt werden muss, ihr rührt in dieser Stimmung wie in einer großen Gulaschkanone.
Warum ist unser Land so zerrissen?

In unserem Kopf spuken zu viele widersprüchliche Bilder – Bilder von toten Kindern am Meer und Bilder von Horden junger Männer, die Frauen den Slip vom Leib reißen. Diese Bilder wühlen uns gleichermaßen auf, sie gehören zum gleichen Phänomen, der "Flüchtlingskrise", aber unser Verstand kann sie nicht zusammenbringen, denn beide sind so erschütternd, dass sich unmöglich ein klarer Imperativ ableiten lässt.
Ich erlebe es bei mir selbst, denn ich wollte im Sommer tatsächlich glauben, dass Deutschland es "schaffen kann" (Ein Verb, das wohl für immer belegt und verbrannt ist.) Vielleicht war ich naiv. Ich bin jetzt ernüchtert, zerlege meine Weltbilder und Meinungen in immer neue Argumente und Sequenzen. Neulich sagte mir jemand, er habe wechselnde Mehrheiten in sich. Das trifft es auf den Punkt.
Es gibt aber eine Sache, in der ich nicht schwanke: Ich habe beschlossen, mich nicht von der Angst treiben zu lassen, von der Leute wie Du politisch leben – die ihr den Menschen nehmt wie die Grauen Herren in "Momo" die Zeit; ihr dreht Euch aus den Angstblüten Zigarren und saugt daran. Ohne Angst werdet Ihr Euch auflösen wie die grauen Herren in Nichts.
Die Ängste der Menschen sind natürlich nachvollziehbar: Eine Mutter, die vormittags Syrern Deutsch beibringt, aber Angst um ihre Tochter hat, die von Nordafrikanern belästigt wird, ist jene Stütze in der Krise, die wir nun zu verlieren drohen. Was aber ist Deine Botschaft für diese Mutter, wenn Du von Ihrer Angst lebst?
Viele Deutsche haben sich nun in ihre Lieblingsbeschäftigung gestürzt – die Beschäftigung mit dem eigenen Untergang. Es gibt wohl kein Land auf dieser Erde, das so viel geschafft hat während es darüber klagte, dass es etwas nicht schafft.
"Es gibt keine einfachen Lösungen"

Was wäre eigentlich passiert, wenn wir 1991 gesagt hätten: Sorry, das mit der Einheit und den blühenden Landschaften, das kriegen wir nicht hin? Auch damals gab es Menschen, die auf Ängsten und Enttäuschungen ihre kleinen, mickrigen Karrieren bauten. Sie sind alle verschwunden. Geblieben sind die, die gestaltet haben; die wussten, dass es keine einfachen Lösungen gibt, dass es kompliziert, anstrengend und entbehrungsreich wird. Und auch jetzt wird es keine einfache Lösungen geben, es gibt nur anstrengende, komplizierte Lösungen. War nicht von Anfang an klar, dass wir gewaltige Rückschläge und Niederlagen erleiden würden? Ihr aber habt nie eine Lösung, für Euch gibt es nur einfache Schlagworte. "Raus", bei den Griechen, "raus" bei den Flüchtlingen, "dicht" bei den Grenzen.
Glaube ich denn etwa noch, höre ich Dich spöttisch fragen, dass Deutschland es schafft? Sagen wir so: Ich hoffe es. Die Realität sieht anders aus. Ein Land, das jetzt schon so aus dem Lot ist, schafft es nicht. Wir haben uns übernommen, heillos. Wir erleben eine doppelte Unreife: Tausende junge Männer sind nicht reif für die Offenheit unserer westlichen Gesellschaft. Und wir sind nicht reif, sie hier auszuhalten und zu integrieren.
Inzwischen sind sich wohl alle einig, dass die Zahl der Flüchtlinge reduziert werden muss – man streitet über den Weg dahin. Und der ist verdammt kompliziert. Es ist wie bei Griechenland: Die Zeit läuft uns davon und die Lösung kann man nicht in einem Satz erklären. Und was machen Du und Deine Mitstreiter? Die Exegese von Grenzgesetzen, an deren Ende ihr in Pressemitteilungen erklären müsst, auf wen man genau, zumindest laut Gesetz, schießen dürfte. Also theoretisch. Im Notfall.
"Alles projiziert sich auf Angela Merkel"

Alles projiziert sich nun auf Angela Merkel. Ja, sie hat Fehler gemacht. Das Obergrenzen-Zitat, in dem sich die Kanzlerin heillos verheddert hat. Die Selfies mit Flüchtlingen. Es ist aber völlig müßig, darüber zu streiten. Oder so zu tun, als sei das Wort "Obergrenze" ein Zauberspruch der den Strom abreißen lässt. Wir müssen nach vorne schauen, denn wir haben jetzt die Verantwortung für 80+1 Millionen Menschen.
Ich glaube dennoch, dass Angela Merkel eine der letzten ist, die noch ein wenig das "Big Picture" sieht, die um den traurigen Rest dessen kämpft, was wir einmal Europa genannt haben. Alles, wofür Deine Truppe steht, führt in das Gegenteil: In eine Welt, die von Grenzen und Schlagbäumen in den Köpfen beherrscht ist, in Abschottung, Dirigismus, Isolation, Defätismus, Nationalismus, eine Haltung, die uns Wohlstand und Freiheit kosten wird.
Ein Freund hat mir erzählt, dass er 20 Prozent des Gewinns seiner Firma aus dem letzten Jahr in ein Projekt mit Flüchtlingen stecken will. Sheryl Sandberg hat neulich gesagt, sie sei nach ihrem Berlin-Besuch beindruckt gewesen sei, wie viele Deutsche Flüchtlinge bei sich wohnen lassen – und kein Wort darüber verlieren. Und Mareike Geling, die Gründerin der Plattform "Flüchtlinge Willkommen", hat einem Kollegen gesagt: "Ich werde meine Kindern und Enkelkindern einmal sagen können: Ich habe etwas getan."
Was wirst Du Ihnen sagen?
Herzliche Grüße,
Dein Horst


http://www.stern.de/politik/deutschland ... 82324.html



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 Betreff des Beitrags: Re: Öffentliche Briefe
BeitragVerfasst: 8. Feb 2016, 06:11 
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Zitat:
Lieber Horst,
nach so vielen Jahren schreibst Du mir einen Brief, elektronisch erreicht er mich.
Horst von Buttler, Chefredakteur des Magazins CapitalFullscreen
Horst von Buttlar, Chefredakteur des Magazins Capital, schrieb seinem früheren Kommilitonen und jetzigem AfD-Politiker Marcus Pretzell einen offenen Brief.
Ich habe mich gefreut, über diesen Brief, denn Du möchtest Dich mit mir streiten und ich streite durchaus gerne. Ich streite so gerne, wie ich mit Dir früher Bier auf Partys getrunken habe, während wir unseren Humor teilten. Lustig war es, aber mir ist das Lachen vergangen und deshalb will ich Dir stellvertretend für die vielen antworten, die nicht verstehen was ich tue.
Die AfD und mit ihr auch ich, ist 2013 angetreten, den Euro-Rettungswahnsinn zu beenden. Während alle Welt davon schwärmte, wie Deutschland vom Euro profitiere, davon redete, wie der Euro Europa zusammenhielte, wagten wir das Unaussprechliche zu sagen. Wir sagten, dass Die Netto-Lohnempfänger Deutschlands die großen Verlierer des Euro in Europa sind, dass die Kapitalströme nicht mehr nach Deutschland hinein sondern inzwischen heraus führen, dass ein ehemaliges Hochlohnland diese Investitionen aber braucht, um das ökonomische Niveau halten zu können, dass wir insbesondere den deutschen Mittelstand auf dem Altar des Euroglaubens opfern, weil er mehr als die Industriekonzerne vom Binnenmarkt abhängt, der mit dem Euro immer mehr gegenüber dem Exportsektor an Gewicht verlor. Wir haben klar benannt, das die Sozial- und Steuerunion zum Schaden Deutschlands kommen würde, dass die Bankensicherung vergemeinschaftet würde, wir haben vor der Bargeldabschaffung gewarnt, über die wir in diesen Tagen wieder reden und vieles mehr. Gestern schreibt die BILD, dass 88 Mrd. Euro Griechenlandhilfe nicht wieder kommen. Der Mainstream hat es verstanden. Die Überbringer der schlechten Botschaft bleiben die bösen Rechtspopulisten.
Sei es drum, inzwischen diskutiert die Öffentlichkeit das nächste große Thema, die Flüchtlingskrise oder besser die Migrationskrise. Schon 2013 hatten wir vorgeschlagen, dass Asyl- und Einwanderungsrecht voneinander getrennt werden. Erinnerst Du Dich noch daran, wie Arbeitgeber- und Industrieverbände die Asylschwemme als Glücksfall für den deutschen Arbeitsmarkt bewerteten? Unsere Skepsis wurde verlacht.
Nichts war es mit qualifizierten Zuwanderern über den Umweg Asylrecht und jedem klar denkenden Menschen war das einsichtig, weil es gute Beispiele weltweit gibt, die zeigen wie es geht. Ob Kanada, Australien oder die USA, alle können es besser als wir. Aber: Wir schaffen das! Denn die Kanzlerin sagt: "Zur Identität unseres Landes gehört es, Großes zu leisten"
Stopp!
Was hat sie gesagt? Identität? Wir (!), also die Deutschen (!) schaffen, so ganz grundsätzlich und im Allgemeinen, Großes (!)???
Also wenn die bei der AfD wäre, würde ich jetzt unmittelbar eine politische Kontinuität vom Kaiserreich 1918 über den Unaussprechlichen 1945 bis zur dominierenden Frau Europas, äh entschuldige, zur Kanzlerin aller Deutschen heute herbeireden. Aber so weit ist es noch nicht. Die erste AfD-Kanzlerin erwarten wir nicht vor 2021 und bis dahin wird sich die Aufregung etwas gelegt haben.
Vorschläge haben wir schon lange vor der Eskalation der Krise gemacht:
Sachleistungen statt Geldleistungen konsequente
Abschiebung nach abgelehnten Asylanträgen
Ausweitung der sicheren Drittländer
Asylverfahren nicht nur in Deutschland sondern in den Nachbarländern der Krisenländer durchführen (Folge: Wenige Männer, mehr Frauen und Kinder)
Durchsetzung von Schengen und Dublin III (Außengrenzenkontrollen und Verteilung der Asylsuchenden)
und einiges mehr
Heute klingt das banal. Damals war das radikal. Das putzige dabei ist, dass wir heute über Obergrenzen und damit die faktische Beendigung des Individualrechts auf Asyl in Deutschland oder die Begrenzung des Familiennachzugs gar nicht reden müssten, wenn man auf die "Radikalen" von gestern gehört hätte. Die Flüchtlingsströme wären nicht entstanden, die Asylsuchenden verteilt worden und über 600.000 abgelehnte Asylantragsteller würden nach und nach abgeschoben. Wer würde da noch viel Geld investieren, um sich nach Deutschlad schleusen zu lassen, wenn er nicht Aussicht hätte, hier auch als Asylsuchender akzeptiert zu werden. Es kämen nur noch die wirklich Verfolgten.
Es tut mir leid, Dir das sagen zu müssen, aber die Naiven aus dem Sommer letzten Jahres haben die Debatte so aus dem Ruder laufen lassen. Nicht ich bin mitverantwortlich für die jetzigen Zustände, Du schon. Und trotzdem gerierst Du Dich mir gegenüber immer noch als moralisch überlegen, als selbstgerecht und intellektuell meilenweit voran. Es gibt keine einfachen Lösungen, sagst Du. Grenzen auf, reicht also wohl nicht aus. Millionenfacher Gesetzesbruch, wie ihn der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio der Kanzlerin gerade attestierte, wurde flankiert von Presse und Politik in einer Einigkeit, die einem Rechtsstaatsanhänger und Demokraten Angst machen muss. Hast Du es nicht gesehen? Wolltest Du es nicht sehen, weil sich die moralisch überhöhte, bessere Position einfach wohliger anfühlte? Natürlich wollen wir jedem helfen. Natürlich möchte man niemanden abweisen. Ich nehme an, dass Du das Gute wolltest. Aber siehst Du, was diese endlose Moral, die jede Debatte erstickte uns eingebrockt hat? Dein intellektuell verbrähmtes Abwägen? Schon lange nachdem klar war, dass der Weg falsch war, suchtet ihr das Gute im längst als schlecht entlarvten, weil einfach Umkehr zu einfach wäre, zu einfach für ein Volk, in dessen Indentität es liegt, Großes zu leisten. Selbstgerecht seid Ihr bis heute, seht Ihr doch den Populismus des Anderen und nicht den eigenen. Denkst Du manchmal darüber nach, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird, wenn Menschen zu uns kommen, die nicht jeder im Einzelnen, aber in einer viel zu großen Zahl, Vorstellungen von Gesellschaft haben, die wir beide gruselig finden? Was erzählst Du Deinen Kindern, wenn Antisemitismus in Deutschland vielleicht wieder salonfähig wird, wenn Frauenrechte nur dort gelten, wo die Staatsgewalt sie noch durchzusetzen im Stande ist und wo Frauen sich überhaupt noch in die Öffentlichkeit trauen? Auch dies hat Vorbilder im nahen Ausland. Die Banlieus von Paris, Stadtteile Londons, inzwischen auch im Ruhrgebiet. Deutschland verändert sich. Mir ist es egal, welche Hautfarbe Menschen haben, welche Religion sie haben, aber die Akzeptanz unserer Werte, unserer Freiheit, ist mir nicht egal. Unsere, auf individueller Freiheit aufgebaute Gesellschaft, ist eine europäische Erfindung und Besonderheit. Asien, Afrika und der arabische Raum kennen das nicht. Das ist deren Sache, ich will mich da nicht einmischen. Aber ich will unsere hart erkämpften Freiheiten hier gerne bewahren. Unsere Vorfahren sind zu Millionen dafür gestorben.
Du wirfst uns vor, wir wollen die Grenzen schließen. Nein, wir wollen sie kontrollieren. Wir wollen als Staat selbstbestimmt entscheiden, wer zu uns kommt und wer besser nicht. Neulich schrieb jemand, das Ende von Schengen werde wohl 110 Mrd. Euro kosten, europaweit, in den nächsten 10 Jahren. Tage zuvor hatte jemand errechnet, was uns die offenen Grenzen in Deutschland kosten. Die Asylantragsteller aus 2015 alleine 50 Mrd., in zwei Jahren, nur in Deutschland! Wir steuern in eine ökonomische und gesellschaftliche Katastrophe, gegen die sich die Eurorettung wie ein Kindergeburtstag ausnimmt. Wir benennen das und sind wieder: Rechtspopulisten! Gib es doch zu: Du hast Dich geirrt. Beim Euro und bei der Zuwanderung!
Ein Schlusswort zum unvermeidlichen "Schießbefehl". Ich habe gar keine Gesetzesexegese betrieben, wie Du meinst. Ich bin penetrant befragt worden und habe sachlich richtig geantwortet nachdem ich erklärt habe, warum Schusswaffen ohnehin nicht zum Einsatz kommen werden.
Es liegt in der Natur des staatlichen Gewaltmonopols, dass jedes Gesetz, gleich ob Strafgesetz, Steuergesetz oder BGB, letztlich auch mit Schusswaffen verteidigt werden kann. Die Schusswaffe ist die Ultima Ratio des Rechtsstaates. Das ist gar nicht weiter erwähnenswert, solange nicht ein moralisch bewegter Mob mit Überlegenheitsgefühl jeden verbal steinigt, der sich erdreistet die Worte "Flüchtling", "Grenze" und "Schusswaffe" in einem Satz zu benutzen. Es waren Berufskollegen von Dir, die uns die Bühne geboten haben, auf die wir nicht mussten aber auf der wir die AfD nun mal gut verkaufen können und auch zukünftig werden.
Du bist ein typischer deutscher Wähler. Lange hast Du Angela Merkel vertraut. Jetzt siehst Du ein, dass die AfD in der Sache recht hatte, aber unser Tonfall, der durch die Medien gefiltert bei Dir ankommt, unsere provokative Art, unsere immer noch unangenehmen Botschaften, die Lösungen, die Deine Kollegen teils erst Jahre nach unseren Forderungen aufgreifen und dann häufig verkürzt wiedergeben, die lehnst Du ab und Rechtspopulisten wählen, das käme schon gar nicht in Frage. Schließlich bist Du moralisch und intellektuell weit überlegen. Wir dagegen sind nur Rechtspopulisten, denen schreibt man maximal kopfschüttelnd einen offenen Brief. Und wie bei jedem Artikel über die AfD, beginnt man auch dort am besten mit einer Distanzierung. Das hört sich bei Deinen Kollegen dann so an: "Ich bin kein Freund der AfD, aber...". In Deinem Fall schreibst Du nun einen Brief, an einen alte Bekannten, einen waschechten Rechtspopulisten. Das ist nicht ungefährlich, man will denen ja nicht zu nahe kommen und das liest sich dann so: "Uns verband keine Freundschaft, aber man sah und traf sich..."
Das passiert mir in den letzten drei Jahren häufiger. Man betont erst einmal das Trennende, bevor man denn überhaupt an Diskussion denkt. Aber das liegt vermutlich daran, dass wir, wie Du sagst, zerreissen und nicht heilen, nicht flicken und nicht zusammenfügen. Du bist da anders, glaubst Du.
Herzliche Grüße
Dein Marcus


http://www.stern.de/politik/deutschland ... 84522.html



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 Betreff des Beitrags: Re: Öffentliche Briefe
BeitragVerfasst: 22. Mai 2016, 11:55 
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Zum teil sehr gut geschrieben von Stephan Orth:

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Wutbürger: Schluss mit der Romantisierung des Vergangenen!

Lieber Wutbürger,
mal unter uns: In welcher Welt lebst du eigentlich? In einer Welt der sexuellen Übergriffe, der bösen Flüchtlinge, der naiven Gutmenschen? Wie konnte das alles passieren? Früher war doch alles besser – oder? Nein! Romantisieren bringt niemanden weiter.
Hand auf’s Herz: Wann war Deutschland sicherer als heute? Wie war es um die Sicherheit der Bürger*innen bestellt als Homosexuelle aufgrund des Paragraphen 175 systematisch verfolgt wurden? Ein dunkles Kapitel in der Deutschen Geschichte, dass erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde… Bis heute sind mehr als 50.000 Homosexuelle in Deutschland noch immer aufgrund dieses Paragraphen auf dem Papier vorbestraft.
Wie war es bestellt um die “deutsche Sicherheit”, als Vergewaltigung in der Ehe bis 1997 lediglich Nötigung war und der selbe Horst Seehofer, der heute gegen Geflüchtete wettert, sich für ebendiese Vertuschung aussprach? Du siehst, sexualisierte Gewalt und rückständige, paternalistische Ideen von Gesellschaft werden nicht mit den Geflüchteten eingebürgert, sie waren schon immer da.
Terrorismus ist ein Phänomen des Islams, sagt zumindest der Bachmann ab und zu… Erinnerst du dich an den Deutschen Herbst? War schon sehr sicher in Deutschland, als RAF Terroristen durchs Land fuhren und ihre Ideologie auf gewaltvolle Weise durchzusetzen versuchten – zumindest wenn du kein Arbeitgeberpräsident, Generalbundesanwalt oder Polizist warst… Wenn du bei der Tagesschau von der NSU hörst, sind nicht die von Schmidt und Still gegründeten Motorenwerke gemeint…
Wie war es bestellt um die Sicherheit in der DDR? Das ist doch schon ein Skandal mit der Vorratsdatenspeicherung und der Überwachung durch die NSA der bösen Amerikaner. Düstere Zeiten… Da war die Privatsphäre der Bürger*innen im Stasistaat schon besser geschützt, zumindest wurde sie Analog archiviert. Übrigens: Stasi ist keine Puddingmarke aus Zwickau! Über die Sicherheit der Opfer an der innerdeutschen Grenze oder deren Hinterbliebenen fang ich mal besser nicht an. Das waren noch Zeiten, als die Grenze noch Grenze war, zerrissene Familien hin oder her – zumindest war sicher: So schnell kommt ihr nicht mehr zusammen.
Auch die Rollenbilder der Nachkriegszeit gaben eine große Sicherheit, als der Mann noch Mann war und die Frau noch Frau – moderne Rollenbilder halt, viel Fortschrittlicher als diese Kopftuch-Türken… »Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?« Ach komm schon, Backen macht Freude! Oder?
Eurokrise und die Welt geht unter. Aber Moment mal: Wie war es eigentlich für unsere Vorfahren als während der großen Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren das Geld nichts mehr Wert war?
Welche Sicherheiten hatten die Minderheiten im Nationalsozialismus? Wie erging es den Kindern in Deutschland, die am Ende des Krieges mitkämpfen mussten oder den Menschen die hungern mussten? Was ist mit der sozialen Ungleichheit, die sich durch die Gesellschaft zog? Holocaust, ist das eine Lüge für dich?
Wie siehst du das mit der massiven Chancenungleichheit im Bildungssystem, die es noch vor 40 Jahren auch im Bereich des sozialen Aufstiegs gab? Gab es in deiner Jugend keine rivalisierenden Jugendgruppen,die sich bei Schützenfesten die Köpfe einschlugen? Hast du die atomare Aufrüstung und den Kalten Krieg vergessen? Ist der so lange her?
Ich gebe dir ja Recht, in Deutschland ist nicht alles gut. Aber wo ist alles gut?! Und wann bitte war es, auch mit Blick auf die letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte, in Deutschland "sicherer"?
Alles hat seine Licht und Schattenseiten. Willkommen in der Realität! Es geht mir wirklich auf die Nerven, wie du und diejenigen die mit dir auf einer kognitiven Ebene stehen hier im Netz, aber auch auf den Straßen der Republik, ein Bild von Deutschland im Jahr 2016, konstruieren, indem sich Frauen nachts angeblich nicht mehr alleine auf die Straßen trauen können und angeblich ständiger Ausnahmezustand herrscht. Ich persönlich glaube ja, dass der einzige Ausnahmezustand vermutlich in euren Köpfen abgeht. Vielleicht aus Angst, vielleicht aus Ignoranz oder einfach nur aus fehlendem Wissen. Ich nehme euch als Menschen und auch eure Würde sehr ernst, aber ich kann mich mit eurer Sicht auf die Dinge einfach nicht anfreunden. Für mich gleicht das einer realitätsfernen Romantisierung der Vergangenheit und der menschlichen Existenz, die nie perfekt war.
Kannst du mir erklären, warum ihr immer nur das schlechte thematisiert? Ist einfacher, ich weiß. Aber wollen wir uns das mit dem Leben wirklich so einfach machen? Schwarz-Weiß hinter jeder Straßenlaterne?
Wir sollten miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Warum schauen wir nicht mal auf das, was gut läuft – bei aller Meckerei geht es uns in Deutschland nämlich hervorragend. Warum versuchen wir nicht das, was schlecht läuft (z.B. die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich etc.) mit Mut, Offenheit und Kreativität zu verbessern? Das klappt einfach nicht indem man die Schuld auf einen Sündenbock abwälzt. Egal ob der Sündenbock nun der Muslim, der Flüchtling oder der vermeintliche “Gutmensch” von nebenan ist… Für komplexe Zusammenhänge und Probleme gibt es keine einfachen Lösungen. Die gab es nie und die wird es nie geben.
Also hör doch endlich auf damit mich und die anderen zu nerven und aus irgendwelchen subjektiven Einzelerfahrungen Weltuntergangsszenarien herbei zu beschwören. Und bitte, bitte sieh endlich ein, dass unser einzelnes Leben, unsere Ansichten und Überzeugungen nicht das absolute Maß aller Dinge sind, sondern lauf bewusster und gelassener durchs eigene Leben. Es lohnt sich!
Konzentrier dich auf’s Wesentliche. Nimm die Straßen wahr, die Häuser, die Menschen, die miteinander Freude, Spaß und eine gute Zeit haben. Setz dich an einen Fluss, einen See oder einen Strand und atme bei all deinen Sorgen einfach mal durch, beobachte die Bäume.
Wenn es dann noch immer Dinge gibt, die dich massiv stören: Engagier dich! Bring dich konstruktiv ein. Damit meine ich nicht, dass du ständig anderen Menschen die Schuld für’s eigene Unglück geben solltest oder pauschalisierend in irgendwelchen sozialen Netzwerken oder bei Stammtischen darüber sinnierst, wie angeblich schlimm doch alles geworden sei. Weite den Blick!
Das wird man doch wohl noch sagen dürfen! Klar, Probleme gehören benannt. Offen, direkt und auch in Diskursen. Du hast Recht. Das fehlt leider zu häufig – sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite. Was aber auch fehlt ist die Dinge beim Namen zu nennen, Zuhören und das Akzeptieren verschiedener Meinungen. Es geht nicht immer darum Recht zu behalten. Wie Dunja Hayali trefflich formulierte: »Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt noch mal ein Rassist«. Du siehst also, ich will deine Meinungsfreiheit garnicht einschränken, ich will eine vernünftige Diskussionskultur.
Aber wenn wir beide ehrlich mit uns sind: Viele Menschen lassen doch nur ungefiltert ihren eigenen Frust ab, sie pauschalisieren, romantisieren und vereinfachen komplexe Probleme. Da sind mal die einen, mal die anderen Schuld. Vor allem Politiker*innen, haben es diesem Typus angetan. Immer gibt es ein "Wir"(die Guten) gegen "Die anderen"(die Schlechten). Wenige von denen, die von sich meinen "die Wahrheit" gepachtet zu haben, engagieren sich wirklich dauerhaft um Dinge positiv zu verändern. Warum ich mich so weit aus dem Fenster lehne? Weil ich’s mache! Das ist meine Wahrnehmung.
Die Welt ist das, was wir daraus machen und wie wir ihr begegnen. Angst, Misstrauen, Zorn und Wut haben noch nie zu einem liebevolleren und besseren Miteinander, sondern immer in Krisen geführt. Es geht in dem, was ich dir da schreibe nicht um Gleichgültigkeit, sondern darum nicht ständig schwarz und weiß zu malen. Mir geht es um die Sensibilität für die breite der Realität.
Diese Sensibilität und Offenheit im Umgang, mit der Welt um uns herum, aber auch miteinander. Das wünsche ich dir und mir.
Dein Stephan



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 Betreff des Beitrags: Re: Öffentliche Briefe
BeitragVerfasst: 23. Mai 2016, 06:46 
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schlau hat geschrieben:
Zum teil sehr gut geschrieben von Stephan Orth:


Formal vielleicht, das ist ja auch ein Berufsschriftsteller.

Inhaltlich ist das aber genau so ein Müll wie die perfide Leier der neoliberalen Schreiberlinge, dass die Millionen sozialer Absteiger auf "hohem Niveau jammern" würden, weil es den Menschen in der Dritten Welt noch viel schlechter ginge als ihnen.

Es gibt nicht nur eingebildete, sondern tatsächliche neue Gefahren und Unsicherheiten in öffentlichen Räumen. Den Menschen die gewohnte Sicherheit wegzunehmen und Beschwerden darüber als Gejammer von Paranoikern oder Gekläffe von dümmlichen rechtsdrehenden Spießbürgern abzuwimmeln, ist einfach nur abgefuckt. Darauf fallen auch immer weniger Leute rein mit der Folge, dass man auf diese Weise der AfD eher Wähler zutreibt als sie vom Protestwählen abzuschrecken.


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 Betreff des Beitrags: Re: Öffentliche Briefe
BeitragVerfasst: 1. Dez 2017, 23:56 
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Die Hinterbliebenen der Opfer des Breitscheidplatzes haben Angela Merkel einen offenen Brief geschrieben:

Zitat:
(...)

Frau Bundeskanzlerin, der Anschlag am Breitscheidplatz ist auch eine tragische Folge der politischen Untätigkeit Ihrer Bundesregierung.

...In Bezug auf den Umgang mit uns Hinterbliebenen müssen wir zur Kenntnis nehmen, Frau Bundeskanzlerin, dass Sie uns auch fast ein Jahr nach dem Anschlag weder persönlich noch schriftlich kondoliert haben. Wir sind der Auffassung, dass Sie damit Ihrem Amt nicht gerecht werden.

(...)


http://www.spiegel.de/politik/deutschla ... 81266.html

Zitat:
Wir sind der Auffassung, dass Sie damit Ihrem Amt nicht gerecht werden.


Das kann sie ja auch nicht. Selbstgerechte Menschen werden nur sich selbst und nichts anderem gerecht.


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 Betreff des Beitrags: Re: Öffentliche Briefe
BeitragVerfasst: 2. Dez 2017, 12:02 
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